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"Geschichte des Krefelder FC Uerdingen 05"
Kapitel 1
In dem ein Fussballverein namens FC Bayer 05 in die Verbandsliga aufsteigt, Paul Hufnagel auf den Schultern der Fans vom Platz getragen wird und die Strassen von Uerdingen verwaist sind.
Der Himmel hängt schwer über der kleinen Stadionanlage in Neuss-Weißenberg; für die Jahreszeit ist es viel zu kühl. Man schreibt den 07. Juli 1963, und die 4.500 Anwesenden, zumeist männlichen Geschlechts, schlagen
ihre Mantelkrägen hoch. Ihnen sind die widrigen Umstände egal. Sie sind innerlich aufgeheizt. Ein paar von ihnen haben rot-blaue, an dünnen Stangen festgemachte Stoffstücke dabei, mit denen sie die zweiundzwanzig
Männer, die sich auf dem Spielfeld um einen Lederball streiten, anfeuern. Die Männer sind sorgfältig auf zwei Mannschaften verteilt. Elf von ihnen tragen blaue Hemden und kommen vom Fussball-Club Bayer 05 e.V. Uerdingen,
elf andere kanariengelbe Hemden mit dem Aufdruck "1.FC Mönchengladbach". Eine Woche vorher haben beide Mannschaften schon einmal gegeneinander gespielt und dabei jeweils zwei Tore geschossen. Das Reglement schreibt
jedoch vor, dass eine Mannschaft mindestens ein Tor mehr schiessen muss als die andere, damit sie in die nächsthöhere Spielklasse - die Verbandsliga - aufsteigen darf. Spannung liegt in der Luft. Szenenwechsel:
In Krefeld Uerdingen, einem ansehnlichen Viertel im Nordosten der Stadt Krefeld, sind die Strassen ungewöhnlich leer. Wer nicht in Neuss-Weißenberg ist, sitzt vor dem Radioapparat und lauscht gebannt der Rundfunkübertragung.
Auf Krefeld - Uerdingen, dem vom Bayerwerk, das Arbeit,schlechte Luft, Wohlstand und tägliche Verkaufsstaus zum Schichtwechsel gebracht hat, dominierten Örtchen am Rheinufer kommen glänzende Zeiten zu.
In wenigen Jahren wird der 1905 gegründete und bislang weitestgehend unbekannte lokale Fußballklub in aller Munde sein. Noch ahnt niemand etwas davon, daß es ausgerechnet der Fussballsport ist, der Uerdingen auch im fernen München
zu einem Begriff machen wird.
1956 - drei Jahre, nachdem sich das Bayer-Werk des Klubs angenommen und aus dem "FC Uerdingen 05" der FC Bayer 05 geworden war, waren die Uerdinger aus den Niederungen der Bezirksklasse in die Landesliga
aufgestiegen und mit den lokalen Fussballgrössen BV Union, CSV Marathon, Spielsport und Preussen gleichgezogen. Seitdem 1962 mit Union auch der letzte Krefelder Klub aus der Landesliga abgestiegen ist, gilt Bayer 05 sogar als Nummer 1
der Stadt. Doch in Uerdingen träumt man von mehr. Man will in die Bundesliga. Dorthin, wo noch nie ein Krefelder Klub gewesen ist.
In Neuss-Weißenberg läuft die neunzigste Minute. Über der kleinen Stadionanlage liegt Feierstimmung. Die jungen Burschen schwenken lustig ihre blau-roten Fahnen, alte, vornehme zwar, aber nun nichtsdestotrotz aufgeregte Männer stehen
mit verklärtem Blick am Spielfeldrand und warten auf den Schlußpfiff. Mittendrin Paul Hufnagel, der Trainer des FC Bayer 05, der durch Tore von Schaap und Kuhlen uneinholbar mit 2:0 führt. Sein Traum steht kurz vor der Verwirklichung.
Nur noch Sekunden trennen ihn und seine Mannschaft vom Aufstieg in die Verbandsliga Niederrhein, der nach Einführung der 1. Bundesliga sowie Umwandlung der Oberligen in Regionalligen dritthöchsten Soielklasse des Landes.
Kaum ertönte der Schlusspfiff, greifen sich Spieler und Fans Paul Hufnagel und tragen ihn begeistert vom Platz. Krefeld-Uerdingen ist ein Hort der Glückseligkeit.
Kapitel 2
Klaus Quinkert ist Diplom-Sportlehrer und fußballverrückt bis in den kleinen Zeh. Seine hohe Stirn ist häufig gesehener Anblick auf Niederrheins Fußballplätzen. Gemeinsam mit Paul Hufnagel, inzwischen Bayers Fußball - Abteilungsleiter,
ist er überall dort zu finden, wo es gute Fußballer gibt. So haben die beiden schon Männer wie Lother Prehn, Edgar Evenkamp, Rolf Jakobs und Manfred Kroke nach Krefeld - Uerdingen geholt; haben eine Mannschaft geformt, die eine große Zukunft hat.
Am Abend des 13. Juni 1971 stehen sie neben dem Spielfeld der Krefelder Grotenburg - Kampfbahn und schauen sich stolz ihr Werk an: Gerade hat Bayer 05 den Aufstieg in die Regionalliga perfekt gemacht,
ist Uerdingen auf die Landkarte des großen Fußballs gelangt, ist das verschlafene Industrienest endgültig aus seiner fußballerischen Bedeutungslosigkeit gerissen. Klaus Quinkert und Paul Hufnagel sind zufrieden.
Acht Jahre nach dem großen Tag von Neuss - Weißenberg gehen die Uhren in Uerdingen deutlich anders. 1964 hatte Bayer 05 seine wegen des Aschenplatzes ungeliebte Heimat an der Krefelder Staße hinter sich gelassen und war auf einen gepflegten Rasenplatz
im Bayer - Stadion am Uerdinger Löschenhofweg umgezogen. Auf einem eines Bundesligaaspiranten würdigen Rasenteppich hatten die Männer in den blauen Jerseys rasch zu den besten Teams der Verbandsliga aufgeschlossen und sich deutlich von der Konkurrenz
aus Essen - Byfang, Duisburg - Walsum und Neukirchen - Vluyn abgesetzt. Platz 6 in der Aufstiegssaison war 1964/65 Platz 10, 1965/66 Rang 5 und 1966/67 sogar Vizemeisterschaft gefolgt. Doch zum angestrebten Sprung in die Regionalliga hatte es nicht
gereicht - noch nicht, wie der Vorstand um Dr. Albert Olbermann nicht müde wurde, zu betonen. Im Sommer 1967 hatten die Uerdinger zudem erstmals bundesweit Schlagzeilen gemacht, als sie im Halbfinale um die deutsche Amateurmeisterschaft nur unglücklich
an den Amateuren von Hannover 96 gescheitert waren. Daß zu jenem Spiel mehr als 7.000 Zuschauer an den Löschenhofweg gekommen waren, hatte das örtliche Bayer - Werk mit Interesse registriert und auf das mögliche Potential ihres bis dato nur stiefmütterlich
behandelten Fußballklubs aufmerksam gemacht. Anschließend waren die Uerdinger jedoch in eine Kriese geraten. Erfolgsverwöhnt, war es der Mannschaft nicht gelungen, an die guten Leistungen anzuknöpfen. Erst 1968/69 war wieder ein Spitzenplatz herausgesprungen.
Zur Enttäuschung der Fans hatte das Team jedoch im letzten Saisonspiel mit einem 3:4 gegen die abstiegsgefährdeten Amateure des MSV Duisburg sämtliche Hoffnungen auf Platz 1 verspielt. Als in der darauffolgenden Saison selbst Teams wie der Vfb Speldorf oder
Union Ohligs beide Punkte vom Löschenhofweg entführen konnte, war den Verantwortlichen der Kragen geplatzt. Trainer "Ömmes" Schmidt mußte gehen, Klaus Quinkert kam und der Vorstand um Dr. Albert Olbermann gab die Parole "in zwei Jahren im bezahlten Fußball" aus.
Diplom - Sportlehrer Quinkert brauchte nur ein Jahr. Mit sieben Punkten Vorsprung Führte er seine Mannschaft 1970/71 souverän zur Verbandsligameisterschaft, und in den Aufstiegsspielen zur Regionalliga half das Glück des Tüchtigen. Obwohl Bayer nur gegen Klafeld - Geisweid (2:2)
und beim SVA Gütersloh (1:1) Punkte holte, stieg man als Gruppenletzter in die Regionalliga auf , weil Düsseldorf und Bochum gleichzeitig den Sprung in die Bundesliga schafften. In der Bayer - Zentrale herrschte nun allenthalben Zufriedenheit, zumal auch die gewagte Entscheidung,
das Stadion am Uerdinger Löschenhofweg zugunsten der in Krefeld gelegenen Grotenburg - Kampfbahn zu tauschen, sich als richtig erwiesen hatte. Die miserable Parkplatzsituation am Löschenhofweg und das zurückgehende Interesse der Uerdinger an Bayer 05 waren der Umzugsgrund gewesen,
ein deutlich gestiegener Zuschauerschnitt und eine richtungsweisende Heimstärke der Lohn.
Kapitel 3
22. Juni 1975, kurz nach 20 Uhr. Manfred Kroke schnappt sich seinen Trainer Quinkert, nimmt ihn kurzerhand auf seine Schultern und schleppt ihn, fröhlich grinsend, durch die Grotenburg - Kampfbahn. Quinkert ist das alles sichtlich peinlich. Bewegt und den Tränen nahe winkt er den
jubelnden Menschen zu. Krefeld, die alte Eishockey - Hochburg, deren Aushängeschild "Preußen" seit Jahren vor der Pleite steht, ist glücklich. Bundesliga! Fußball - Bundesliga, wie es sich angesichts der Eishockey Vergangenheit zu sagen geziemt! Bayer 05 Uerdingen ist am Ziel.
Nach einem berauschenden 6:0 über den FK Pirmasens, von dem man sich vier Tage zuvor in einem ähnlich berauschenden Spiel 4:4 getrennnt hatte, gehört der Klub zu den 18 besten Fußballteams des Landes. In München, Hamburg usw. fragen sich die Fans,wo denn dieses Kaff liege, derweil
die Medien ahnungslos von "Ürdingen" schreiben. Staunend berichten die Gazetten von dem "Senkrechtstarter" vom Niederrhein. Informieren ihre Leser darüber, daß Bayer 05 "erst 1971 in die Regionalliga aufgestiegen ist und dort in allen drei Jahren ein positives Punktekonto hatte".
Daß man mit Manfred Burgsmüller über einen Törjäger verfüge, der 1973 und 1974 Regionalliga - Torschützenkönig geworden war, 1974 jedoch zu seinem Stammverein Rot - Weiß Essen zurückgekehrt war. Und daß nun, nach dem Aufstieg, auch noch der kleine, trickreiche Außenstürmer
Peter Falter den Verein verlassen würde. Man war sich einig, daß Bayer 05 im Oberhaus chancenlos sei.Die "Väter des Aufstiegs"- Trainer Quinkert und Abteilungsleiter Hufnagel-gönnen sich derweil ein wohltemperiertes Bier und lassen die vergangenen Jahre Revue passieren.
"Ach, der Paul Hahn, den wir 1971 von Lintfort geholt haben, der ist schon Klasse", schwärmte Quinkert, "und daß du so gute Kontakte zum MSV Duisburg hast, hat uns immerhin den Hans Sondermann eingebracht, ohne den es wohl ganz schwer geworden wäre". "Ja, das stimmt", entgegnet Hufnagel,
"doch vergiß nicht, daß die drüben im Bayer-Werk auch endlich mitgezogen haben". In der Tat: Seit dem Aufstieg in die Regionalliga ist bei der Bayer AG das Interesse an Bayer 05 groß. Ohne Unsummen investieren zu wollen, verfolgt die Konzernleitung den Wunsch,
eine "glückliche Synthese zwischen Beruf und Sport" anzubieten, was Bayer 05 den Vorteil verschafft, über attraktive Arbeitsplätze und vor allem Zukunftsaussichten Spieler anzulocken, die sonst nie nach Krefeld kommen würden. Neben Hahn und Sondermann haben auch andere
erstklassige Akteure den Weg in die Grotenburg gefunden und Bayer 1974 in die neugeschaffene 2.Bundesliga Nord geschossen: Burgsmüller und Falter aus Essen, Riege vom MSV Duisburg, Stieber, Brinkmann und Ketteler aus Sterkrade, der einst beim VFB Uerdingen groß gewordene Lüttges aus Leverkusen etc.
Als mit erreichen der zweithöchsten Profiklasse Torjäger Burgsmüller und Regisseur Sondermann gingen, waren Quinkert und Hufnagel erneut in die Niederungen des niederrheinischen Fußballgeschehens eingetaucht-und mit reicher Beute zurückgekehrt. In ihrem Gepäck hatten sie u.a.
Franz Raschid aus Lohberg, Heinz mostert vom TuS Grevenbroich und Friedhelm Funkel vom VFR Neuss - Neuzugänge, mit denen man die Bundesliga halten wollte. Zugleich hatte sich das Umfeld verändert. Dank einer konzentrierten Aktion von Bayer AG und Stadt Krefeld
war die Grotenburg-Kampfbahn ausgebaut und pünktlich zum Aufstiegsspiel gegen Pirmasens eine 4.000 Plätze bietende Sitzplatztribüne eingeweiht worden; eine Flutlichtanlage gab es nun ebenfalls. Einem war es allerdings nicht mehr vergönnt, den Aufstieg seines Vereins mitzuerleben:
Dr. Albert Olbermann, seit 1953 Vorsitzender, war im Augut 1974 plötzlich verstorben.
Kapitel 4
19.Juni 1983. Im Gelsenkirchener Parkstadion haben sich 60.000 Menschen versammelt. 90 Prozent von ihnen, womöglich gar 95 Prozent, zittern bangen, beten und schreien mit Königsblau. SChalke 04, Altmeister, Lieblinkgskind des Reviers und Skandalnudel des deutschen
Fussballs, steht vor dem Abstieg in die 2. Liga. Als Sechzehnter der abgelaufenen Erstligasaison müssen die Knappen in die Relegation gegen den Zweitligadritten. Der heisst Bayer 05 Uerdingen und hat das Hinspiel mit 3:1 für sich entschieden. Fußball-Deutschland zittert mit dem Altmeister.
Machte man eine Umfrage unter den deutschen Fußballfans, würden wohl bestenfalls fünf Prozent der Befragten für einen Aufstieg Uerdingens plädieren. Beim Duell "Altmeister gegen Graue Maus" schneiden die Uerdinger in der Kategorie "Beliebtheit" schlecht ab. In der sportlichen Bewertung
hingegen sind sie den Schalkern turmhoch überlegen. Fünf Minuten vor Spielschluß sorgt Michael Schumacher mit seinem Treffer zum 1:1 Ausgleich für das endgültige Aus der Schalker Bundesligaträume und führt Krefeld-Uerdingen auf die Landkarte der Erstligastädte zurück. Dort will sie allerdings kaum einer haben
auch die Krefelder offensichtlich nicht. 7.193 Zuschauer hat Bayer 05 in seinen 19 Heimspielen der abgelaufenen Saison begrüßen können. Ziemlich mager für einen ambitionierten Spitzenklub.
Die Konkurrenz am Niederrhein ist groß. In Mönchengladbach, Düsseldorf, Köln und Duisburg wird ebenfalls Bundesligafußball gespielt. "Wir sind zwar eine sogenannte graue Maus, aber manchmal laufen auch Elefanten vor Mäusen weg...", gibt sich Kapitän Matthias Herget dennoch kämpferisch.
Es ist Uerdingens dritter Aufstieg, weshalb das Team inzwischen auch "Fahrstuhlmannschaft" gennannt wird. 1975 war das Bundesligaabenteuer nach nur einer Spielzeit wieder beendet gewesen, 1979 hatte man sich immerhin zwei Jahre unter den Top Teams tummeln können. Daß es 1983 erneut zur Rückkehr langen würde,
überraschte selbst die Uerdinger. Eigentlich befand man sich nämlich im Umbruch. Trainer Biskup war im Verlauf der Aufstiegssaison 1982/83 entlassen worden, und sein Nachfolger Timo Konietzka hatte sich eigentlich vorgenommen, einen behutsammen Neuaufbau vorzunehmen. Daß er den nun eine Klasse höher fortführen muß,
schreckt ihn keineswegs. "Ich bin zuversichtlich. Den Klassenerhalt können wir schaffen", lässt sich der frühere Dortmunder nicht von den großen Gegnern erschrecken.
Kapitel 5
Timo Konietzka ist ein schlauer Mann. "Wenn die Leute nicht freiwillig ins Stadion kommen, müssen wir ihnen etwas bieten, was sie woanders nicht zu sehen bekommen", sagt er und beschließt, das zu fördern, was Fußball so attraktiv macht: Offensivspiel. Nach 34 Spielen weist
seine vor Saisonbeginn als "Abstiegskanditat Nummer 1" apostrophierte Mannschaft ein Torverhältnis von 66:79 auf, belegt einen sensationellen 10. Rang und wird ob ihrer mitreißenden Spielweise überall gelobt. Über 15.000 Menschen sind durchschnittlich zu einem Heimspiel der Blau Roten gekommen. So viele, wie nie zuvor.
Zugleich hat Trainer Konietzka mit seiner ausgezeichneten Arbeit die Konkurrenz auf sich aufmerksam gemacht und nach Saisonende verlässt er Krefeld in Richtung Dortmund. Für ihn kommt "Kalli" Feldkamp, unter dem Bayer 05 in Dimensionen vorstößt, von denen man in Krefeld wenige Jahre zuvor nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
Feldkamp verfeinert den bedingungslosen Angriffsfußball in ein wohlgeordnetes Offensivspiel, das unter dem Motto "Fußball mit Herz" steht und die sonst so reservierten Krefelder schlichtweg begeistert. Zudem ist es erfolgreich: Platz 7 ist ein großartiges Ergebnis für den Underdog.
Doch dessen Saisonhöhepunkt ist damit noch gar nicht erreicht. Am 27. Mai 1985 werden Uerdingens Fußballer nämlich von 18.000 glückstrunkenden Menschen auf dem Krefelder Theaterplatz empfangen. So etwas hat die alte Eishockey - Hochburg noch nie erlebt! Das Areal ertrinkt förmlich
in blau roten Fahnen, den Spielern steht der Stolz in den Gesichtern geschrieben. Tags zuvor haben sie Bayern München geschlagen und sensationell den DFB - Pokal errungen. Unter unerbittlich brennender Sonne hatten Feilzer und Schäffer den frühen Führungstreffer des turmhohen Favoriten aus
München null und nichtig gemacht und damit für die Sensation gesorgt. Bayer 05 Uerdingen, die graueste aller grauen Mäuse, ist Pokalsieger, darf die Bundesrepublik im Europapokal vertreten. Mittendrin Trainer Feldkamp und Manager Roder, die Väter des Erfolges. Sie haben Akteure wie Wolfgang Funkel,
Karl - Heinz Wöhrlin, Larus Gudmundsson und Wolfgang Schäffer in die Grotenburg geholt und die Saat, die Tiomo Konietzka gesät hat, damit zu voller Blüte gebracht.
Plötzlich ist Bayer 05 wer, ist Uerdingen = Krefeld, wird der Klub von Stadt und Wirtschaft hofiert. Oberbürgermeister Dieter Pützhofen verspricht den Ausbau der Grotenburg - "für den Europacup" - , die Führung der Bayer AG verkündet, das die Uerdinger ab sofort das gleiche Geld wie Bayer 04 Leverkusen erhalten werden.
Die Welt der grauen Maus Bayer Uerdingen ist so rosarot wie nie zuvor. Und es kommt noch besser. 1985/86 belegt das kollektiv um Matthias Herget, dem ersten Uerdinger Nationalspieler, sensationell Platz 3 und trumpht nebenbei in Europa auf. Nach dem maltesischen Appetithäppchen Zurrieq FC räumen die Uerdinger mit Galatasaray
Istanbul einen ersten renommierten Gegner aus dem Feld im Viertelfinale treffen sie auf Dynamo Dresden, mit dem sie sich eine der dramatischsten Schlachten der Europapokal Geschichte liefern. Nach einer 0:2 schlappe in Dresden und einem 1:3 Halbzeitrückstand im Rückspiel in der Grotenburg sind Uerdingens
Lichter im grundegenommen schon ausgegangen, als Wolfgang Funkel mit dem Anschlußtreffer zum 2:3 noch einmal Hoffnung schürt und den Uerdinger Kampfgeist anstachelt. Mit unwiederstehlicher Leidenschaft, drehen Uerdingens Fußballer das Spiel noch um und ziehen mit einem 7:3 Sieg ins Halbfinale ein. Vor den Fernsehschirmen hockte
derweil die Fußballnation und staunt, was für ein schillerndes Vögelchen Bayer Uerdingen sein kann. Vor dem Halbfinale gegen Atlético Madrid gehen in der Uerdinger Geschäftsstelle Kartenwünsche aus dem ganzen Land ein.
Deutschland hat sein Herz für Uerdingen entdeckt und Bayer 05 hat den Gipfel seiner Beliebtheit erreicht. Uerdingens Fußballhimmel hängt voller Geigen. Uerdingen 05 ist fest etabliertes Mitglied der Beletage und auf dem Weg, zu einer festen Größe in Europa zu werden. 1986/87 kommt im UEFA - Cup erst in Runde 3 gegen Barcelona das aus.
Doch das Image der "grauen Maus" schimmert schon längst wieder durch. In der Erfolgssaison 1985/86 sind durchschnittlich lediglich 11.300 Zahlende in die Grotenburg gekommen - so wenige hatte ein Bundesligadritter noch nie anlocken können. 1988/89 das Team ist auf Rang 13 zurück gefallen unterschreitet der Schnitt erstmals
die 10.000er Marke (9.827); 1990/91 sinkt er gar auf das Rekordtief von 7.900 herab. Die Ursachen sind klar und unerbittlich hart: Uerdingen 05 ist es nicht gelungen, zum Verein Krefelds zu werden. Das fehlende Geld - die Bayer AG hat trotz gegensätzlicher Ankündigung voll auf die Trumpfkarte Bayer 04 Leverkusen gesetzt, das wenig
komfortable Stadion und die Konkurrenz im Umfeld lassen Uerdingen kaum Spielraum. In seiner Not bemüht sich der Klub um die Jugend und baut ein Nachwuchsförderungssystem auf, das später von vielen kopiert wird. Während Uerdingen 05 im Jugendfußball Vorbildfunktion übernimmt, sinkt die Aktie der Bundesligakicker von Saison zu Saison
tiefer. 1990/91 wird der Tiefpunkt erreicht: Abstieg. Da hilft auch nicht, daß man inzwischen aus dem "Graue Maus Image" eine clevere Tugend gemacht und einen Elefanten zum Vereinsmaskottchen erklärt hat. Frei nach dem 1983 von Kapitän Herget geäußerten Slogan " ... manchmal laufen auch Elefanten vor Mäusen weg...", ist der "Grotifant"
enstanden, der Glücksbringer, geschickter Marketingschachzug und symbolträchtiges Maskottchen in einem ist. Es wirkt: 1992 schafft Uerdingen 05 zum vierten Mal den Aufstieg ins Oberhaus.
Kapitel 6
Eine Scheidung nach 42 Jahren tut weh. Doch den Uerdinger Fans stehen keineswegs Tränen in den Augen, als die Bayer AG im Sommer 1995 ihre Siebensachen packt und aus der Grotenburg auszieht. Eine Ära geht zu Ende. In Uerdingen ist man geneigt, dies als Chance zum Neubeginn zu betrachten, als Möglichkeit eine eigene Identität
abseits des Images vom "Werksklub" aufzubauen. Die Verantwortlichen vom Chemiewerk hatten ohnehin schon lange keine Lust mehr auf Bayer 05 gehabt und sich zunehmend auf den Leverkusener Hauptklub konzentriert. Da war wenig übriggeblieben für Uerdingen. "Wenig Moos - schweres Los", hatte der kicker geschlagzeilt, nachdem Bayer 1994
zum fünften Mal binnen zwanzig Jahren ins Oberhaus ausgestiegen war. Wie schon viermal zuvor übrigens auch diesesmal "sensationell", denn ein Jahr zuvor wäre Bayer beinahe noch in die Drittklassigkeit abgestiegen. Nicht zu Unrecht zieht das Fachblatt einen Vergleich mit einem "Bungeejumper". Ähnlich müssen sich Uerdingens Fans fühlen.
Hin- und hergerissen zwischen 1. und 2. Liga, neidisch nach Leverkusen guckend, wo inzwischen ein topmodernes Stadion entstanden ist und erste Erfolge eingefahren werden, grollten sie lange Zeit still in sich hinein. Als nun die Bayer AG die Scheidung einreicht, sieht man in Uerdingen plötzlich Licht am Horizont.
Im letzten Jahr unter dem weltumspannden Kreuz kann Bayer 05 sportlich an alten Erfolgzeiten anknüpfen und sich - wie üblich als Abstiegskanditat Nummer 1 apostrophieren - Platz 15 und damit die Klasse sichern.
Das erste Jahr unter dem neuen Namen "Krefelder Fußball - Club Uerdingen 05" wird zum Debakel. Chancenlos dümpeln die von Friedhelm Funkel trainierten Blau - Roten vom ersten Spieltag an im Tabellenkeller. Ganze 33 Tore bringen lediglich 26 Punkte, was zu Platz 18 und dem erneuten Abstieg führt. In Uerdingen
gehen die Lichter aus. Ein letztes Mal waren die Fans in die Grotenburg geströmt - wiewohl der Schnitt von knapp 11.000 vornehmlichen den zugkräftigen Gastspielen der Dortmunder, Schalker und Bayern zu verdanken gewesen war. Der KFC Uerdingen ist out; die Hoffnung auf ein neues Image zerplatzt. Uerdingen bleibt Uerdingen,
ob als Bayer 05 oder als KFC. Statt dessen gibt es plötzlich ungewohnten Krach hinter den Kulissen des Vereins, der jahrzehnte lang als Hort der Harmonie galt. Der neue Vereinsboss, Krefelds Kinderklinikchef Professor Dr. Hermann Schulte - Wissermann, passt nach Ansicht von Beobachtern zum Fußball "wie ein Pinguin in die Sahara",
und Schatzmeister Dr. Schulz gerät in den Verdacht, den Verein "totsparen" zu wollen. Sportlich blutet Uerdingen aus. Heintze, Meijer, Dreher, Paßlack, Laessig und Lesniak gehen, wobei die knapp 6 Mio. Mark Transferüberschuß nach Ansicht der Vereinsführung "nur im Notfall für weitere Verstärkungen ausgegeben" werden sollen. Der Notfall
tritt nicht ein. Noch nicht. 1996/97 wird Uerdingen Neunter der 2. Liga, was angesichts des totalen Neuaufbaus keineswegs entäuschend ist, zumal die Mannschaft in einigen Spielen bereits ihr Potential angedeutet hat. Andererseits ist der KFC allerdings mehr den je graue Maus - da hilft auch kein Grotifant mehr. Exakt 3.430 Besucher
lockten die Rot Blauen durchschnittlich in die Grotenburg nur Fortuna Köln und die SpVgg Unterhachingen haben noch weniger Fans.
Kapitel 7
Die Talfahrt hält an. 1997 übernimmt Jürgen Gelsdorf das Training, doch hinter den Kulissen regiert das Chaos. Geschäftsführer Edgar Geenen, der dem Klub in seinen sechs Amtsjahren ein augezeichnet funktionierendes professionelles Gewand verschafft hat, geht zu München 1860; und auch Lizenzspielleiter
Klaus Janzen nimmt seinen Hut. Der bei Fans und Spielern gleichermaßen beliebte Gelsdorf steht ständig in der Kritik, obwohl er unter den gegebenen Umständen großartige Arbeit leistet und den KFC immerhin auf Rang 13 führt. Nach Saisonschluß kommt es zu einem erneuten Ausverkauf. Als im Sommer 1998 selbst Gallionsfigur
Claus Dieter "Pele" Wollitz seinen Abgang ankündigt, platzen den wenigen noch verbliebenen KFC Fans die Kragen. Erstmals kommt es zu Protesten, die sich vornehmlich gegen die Vorstandsetage richten. Ihr wird vorgeworfen, den KFC mutwillig zerstören zu wollen eine Einschätzung die Ex Trainer Funkel indirekt bestätigt: "zwei Jahrzehnte
lang war Uerdingen ein sehr gut geführter Verein. Die Vereinspolitik stimmt nicht mehr. Der Klub wurde die letzten zwei Jahre völlig ausgeblutet. Es kommen ganz schwere Zeiten auf Uerdingen zu, die Führung hat den Respekt der Zuschauer in Krefeld verspielt", orakelt er. Derweil ereignet sich ein ziemlich dubioser Vorfall,
als der KFC kurz vor beginn der Saison 1998/99 aus finanziellen Erwägungen plötzlich seine Amateurmannschaft aus dem Spielbetrieb der Oberliga Nordrhein zurückzieht und damit Absteiger SV Straelen die Klasse sichert. Sponsor der Staelener ist der Bauunternehmer Hermann Tecklenburg, zugleich Lizenzspielleiter ... des KFC Uerdingen.
Die Fans schreien Zeter und Mordio, wittern Verrat, schimpfen, Tecklenburg habe Uerdingens Amateurmannschaft "geopfert". Tecklenburgs Vorgänger Geenen, inzwischen mit 1860 in der 1. Liga etabliert, kommentiert vielsagend: "Eine traurige Geschichte". Weihnachten 1998 verbringt der KFC Uerdingen 05 auf dem Vorletzten Tabellenplatz
der 2. Bundesliga. 13 Punkte stehen auf dem Konto, daheim haben die Krefelder bereits fünfmal verloren. Ganze 2.900 Zuschauer haben sich die Auftritte der inzwischen vom Niederländer Henk ten Cate betreuten Ex Werkskicker noch, man muß es so deutlich sagen, "angetan". Die Zukunft der Uerdinger sieht düster aus.
Der Abstieg in die Regionalliga wird nur schwer zu vermeiden sein, auch wenn der Jahresauftakt 1999 mit einem 4:1 über Fortuna Düsseldorf hoffnungsvoll ausfiel. Wie es nach dem vermutlichen Abstieg weitergehen wird, steht in den Sternen. Aber der KFC hat auch Hoffnung: Seinen Nachwuchs. 1998 holte sich die A - Jugend den DFB -
Jugendkicker - Pokal, und wenn man sich auf den Fußballfeldern Europas umschaut, dann wird ohnehin rasch deutlich, über welches Potential die Uerdinger schon seit Jahren verfügen. Bierhoff, Laudrup, Chapuisat, Meijer, Heintze, Kunz, Dogan, Paßlack, um nur einige zu nennen - alle haben schon einaml das blau rote Trikot der Uerdinger
getragen. Da werden doch wohl auch 1999 wieder ein paar Hoffnungsträger dabei sein.
Kapitel 8
Ein Jahr später folge dann der sportliche Abstieg in die Regionalliga West-Südwest, die in diesem Jahr vor ihrem Umbruch (5 Regionalligen wurden zu 2 Ligen (Nord & Süd) zusammen gelegt) stand. Sprich man mußte mind. Platz 11 erreichen, um nicht durchgereicht werden. Nach 36 Spieltagen belegte man dann auch mit einer zu Saisonanfang total wild zusammengestellten Mannschaft diesen besagten 11. Platz. Nur auf Grund eines Tor in den letzten paar Minuten in Idar Oberstein, wurde somit aufgrund des Torverhältnis die Klasse gehalten. In den nächsten 3 Jahren lief es sportlich ganz ordentlich und man belegte jeweils einen Platz im oberen Tabellendrittel der Regionalliga Nord. Zwischendurch sorgte man im DFB Pokal noch ein wenig für überregionale Schlagzeilen, als man erst im Achtelfinale gegen den 1. FC Köln unglücklich im 11-Meter schießen unterlag. Zuvor hatte man die Bundesligisten aus Cottbus und Bremen suverän aus dem Pokatwettbeweb geworfen. Abseits des grünen Rasen lief es leider nicht ganz so erfolgreich. Im Dezember 2004 mußte der Club sogar Insolvenz beantragen. Nur durch größten Einsatzes des Vorstandes um Doc. Prof Harke, der aktuellen Mannschaft um Trainer "Pele" Wollitz (wo findet man sonst noch einen Trainer, der mit möglichen Sponsoren verhandelt und gleichzeitig versucht Gläubiger zu überzeugen, zu Liebe des Vereins auf Geld zu verzichten)und Kapitän Jörg Scherbe (die Mannschaft organisierte eine Trikotpatenschaft) und der Fans, die durch zahlreiche Aktionen zwar nur einen Bruchteil der fehlenden Gelder auftreiben konnten, allerdings die Krefelder Bevölkerung für den KFC kurzfristig neu begeistern können, konnte der Insolvenantrag in letzter Sekunden abgewendet werden. Mit Ende der Saison 2004/05 wurde auch das Kapitel "Regionalliga" erstmal beendet. Auf Grund gefälschter Lizenzunterlagen entzog der Verband dem KFC die Lizenz und stieg in die Oberliga Nordrhein ab. Statt direktem Wiederaufstieg gab es 2005 pünklich zum 100. Geburtstag den 2. Insolvenzantrag. Durch ein langgezogenes Planverfahren verzichteten Gott sein Dank viele Gläubiger auf ihr Geld und der KFC erhielt im Sommer 2006 die Lizenz für die Oberliga. Die Saison 2006/07 beenete man wie die Vorsaion auf einem enttäuschten 10 Tabellenplatz. Für die aktuelle Saison steht mal wieder eine Ligareform an. Die ersten vier Team halten am Ende der Saison die Klasse und qualifizieren sich für die neue, dreigleisige Regionaliga (4.Liga). Wer Platz 5-11 belegt darf in der nächsten Saison in der NRW Liga (5.Liga) antretten. Wer unter Platz 11 landet steigt in einer Saison gleich 2 Ligen ab und startet in der neuen Verbandsliga (6.Liga). Klar, dass möglichst viele einen "Supergau" vermeiden wollen und im Sommer großzügig auf dem Transfermarkt zugeschlagen haben. In wie weit sich der eine oder andere Verein dabei zu sehr übernommen hat, wird wohl in den nächsten Monaten zu erkennen sein. Der KFC tümpelt aktuell irgendwo im Miitelfeld rum (sprich wär nach momentanen Stand für die NRW Liga qualifiziert). Jedoch wurde von uns Fans ("Ihr und wir für Platz vier") sowie vom Verein aus ("Die vier im Visier") ausdrücklich auf die Fahne geschrieben, welches Saisonziel man verfolgt. Jedoch muss man nach den ersten paar Spielen feststellen, dass das Ziel schon nach wenigen Spielen in weite Ferne gerückt ist. Kleve, SW Essen sowie die Amateure von Leverkusen und Köln scheinen bisher ohne große Probleme die Liga zu beherschen. Das neben den zwei oben genannten Amateurteams noch Duisburg, Wuppertal und Gladbach in dieser Liga mit seiner "U23" antritt und regelmässig sich Verstärkungen aus den ersten Mannschaftenb holt, macht die Sache nicht leicher.
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